Wenn die Wiener SPÖ kein gescheites Deutsch mehr spricht

Manchmal verlernt die Politik über Nacht, wie man gescheites Deutsch spricht. So geschehen in der Bundeshauptstadt. Die Wiener SPÖ hat der Öffentlichkeit kürzlich ihre „Wiener Positionen zum Zusammenleben“ vorgestellt. „Wer klare Antworten sucht – wir haben sie.“, ließ die SPÖ verlauten. „Gemeinsam, friedlich, aber auch mit Nachdruck“ sollen die Probleme des Zusammenlebens gelöst werden.

Denkste. Hinter dem SPÖ-Positionspapier und der damit einhergehende Kampagne steckt ein ganz anderes Kalkül. Es sollen jene Teile der Parteibasis befriedigt und beschwichtigt werden, die sich zu FPÖ-Positionen hingezogen fühlen. Dementsprechend präsentiert sich die SPÖ in ihrem Papier als Beschützerin der deutschen Sprache, als Verteidigerin der Höherwertigkeit „der europäischen Kultur“ und als willens und in der Lage von oben herab über die „neuen Wiener“ zu sprechen – „mit Nachdruck“!

Mit ihren „Wiener Positionen“ verabschiedet sich die Hauptstadt-SPÖ vorerst vom Bestreben, tatsächlich positive kommunikative Impulse für das Zusammenleben zu setzen. Stattdessen werden gesellschaftliche Haltungen einzementiert, an deren Überwindung die Politik eigentlich arbeiten müsste. Einzementiert wird zum Beispiel der Mythos von der „typischen Wiener Lebensart“, zu deren Verteidigerin sich die SPÖ aufschwingt. Fahrlässig nimmt die SPÖ dabei in Kauf, dass sie den Rechtspopulisten und der von ihnen viel strapazierten Legende von der „vom Aussterben bedrohten Wiener Lebensart“ in die Hände spielt. Fällt es wirklich so schwer, ein für alle Mal klar zu stellen, dass das Wiener Leben schon immer aus mannigfaltigen Lebensarten bestanden hat und von ständigen Veränderungen geprägt war und ist?

Selektiv geht das SPÖ- Papier auch bei der Aufzählung von „typisch wienerischen“ Grundwerten vor. Neben Demokratie und Rechtsstaat, werden die Trennung von Staat und Religion, Gewaltfreiheit, der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Gleichheit von Frauen und Männern genannt. Die Ermöglichung eines barrierefreien Lebens, gesellschaftliche Offenheit, soziale Gerechtigkeit und absolute Diskriminierungsfreiheit scheinen hingegen keine für das Zusammenleben relevanten Werte zu sein. Konsequenterweise ist es nicht die offene, gleichberechtigte Begegnung auf einer Augenhöhe, die in den Augen der SPÖ zu einem guten Miteinander beiträgt, sondern „gemeinsame Regeln“ und „die gemeinsame Sprache“. Und gemeinsame Sprache, so die SPÖ, gäbe es in Wien nur eine einzige, nämlich Deutsch, Deutsch und noch einmal Deutsch.

Die SPÖ macht damit klar, was noch nie jemand bestritten hat, nämlich dass es in Wien in der Regel sehr hilfreich ist, gut Deutsch zu können, Die SPÖ hält damit aber auch eine Botschaft bereit, die für das Zusammenleben in Wien nur wenig hilfreich ist, nämlich dass nichtdeutsche Sprachen nicht alltagstauglich und von minderem Wert seien.

Manche mögen so etwas gerne hören, weil die Herabwürdigung nichtdeutscher Sprachen einer Aufwertung „ihres“ Deutsch gleichkommt, aber für viele Menschen kommt das einer Geringschätzung eines wichtigen Teils ihrer Identität gleich. Hinzu kommt die Realitätsverweigerung, die in den Aussagen des SPÖ-Papiers steckt. Es kann doch nicht ernsthaft jemand glauben, dass man in einer Stadt wie Wien, in der es ein riesiges Sprachen-Know-how gibt, ausschließlich auf Deutsch zu einem Miteinander kommen kann. Und was soll das für ein Signal sein, wenn man Menschen, die kein Deutsch können oder die viel mehr als Deutsch können, sagt, ihr dürft euch nicht mehr in der Sprache unterhalten, in der ihr euch am besten unterhalten könnt?

Und in noch einem Punkt, fällt das Positionspapier der Wiener SPÖ hinter bereits etabliert geglaubten, wesentlich gescheiteren Positionen zurück: Leistungen „der Zugewanderten“ seien nur dort unverzichtbar, wo diese Leistungen auch in die Kasse des Staates fließen, so das Papier. Auf die Frage, was passieren soll, wenn eine „neue Wienerin“ gerade nichts beitragen kann, weil sie krank, arbeitslos oder was auch immer ist, hat das Papier jedoch keine Antwort. Ist diese Person dann nicht mehr in Wien erwünscht? Kann man mit so einer Person dann nicht mehr gut zusammenleben?

Es ist bemerkenswert mit welcher Deutlichkeit die von der SPÖ verabschiedeten „Wiener Positionen zum Zusammenleben“ ein schon des Öfteren beobachtetes Phänomen untermauern: Sobald eine Partei den Versuch startet, sich zur Behüterin der deutschen Sprache aufzuschwingen, verliert sie die Fähigkeit, ein gescheites Deutsch zu Papier zu bringen.

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2 Antworten auf Wenn die Wiener SPÖ kein gescheites Deutsch mehr spricht

  1. Georg Karp sagt:

    Die SPÖ entfernt sich immer mehr und immer weiter von den eigenen Grundsätzen und beschreitet einen populistischen Weg, der geradewegs zur FPÖ führt.

  2. Bratic Ljubomir sagt:

    Die Gespenster die hinter “Wer hier leben will muss Deutsch lernen” stehen

    Die Argumentationen gegen den von der SPÖ vorgetragenen öffentlichen
    Bekenntniszwang zur deutschen Sprache verlaufen großteils in einer
    verstehenden sie entschuldigenden Richtung – indem ihr unterstellt wird,
    dass sie den Wahlkampf gegen die Freiheitliche Partei Österreichs zwecks der Entfremdung deren Wählerschaft bei den bevorstehenden Wahlen betreibt. Warum diese Kommentatoren hinter der Vorhand in die Tiefenpsychologie der Parteistrategen blicken können, ist mir ein Rätsel. Um eine Aussage zu verstehen, ist wichtig, sich an das zu halten, was tatsächlich geschrieben wurde. Alles andere produziert Gespenster, die man nicht mehr los wird. So ein Gespenst ist der seit 30 Jahren diskursiv sehr wirksame Glaubenssatz, dass alle Zwangsmaßnahmen, die seitens der SPÖ initiiert, vergesetzlicht und durchgeführt werden, deswegen gemacht werden, weil die SPÖ seitens der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) dazu gezwungen wurde. Aus dem oberen Satz „Wer hier leben will, muss Deutsch können!“ spricht eine Sprache des Befehls. Es gibt da jemanden, der befiehlt, und jemanden, dem befohlen wird.
    Die Rechtfertigung für diesen Satz kam am 13.02.2012 in einer
    SPÖ- Presseaussendung. Dort steht, dass es darum geht, die „Grundwerte“ wie „Demokratie und Rechtsstaat“, Laizismus, Gewaltfreiheit,
    Geschlechtergleichheit und Menschenrechte, durch diesen Befehl verteidigt
    werden sollen. Wir können uns da fragen, welche und wessen Demokratie, wenn in Österreich Millionen von Menschen von den Wahlen ausgeschlossen werden, welcher und wessen Rechtsstaat, wenn die Gefängnisse voll mit „Ausländern“ sind und wir durchaus von einer Rassenjustiz sprechen können, welcher Laizismus, wenn Stephansdom in das offizielle Wiener Logo Eingang gefunden hat, welche und wessen Gewaltfreiheit, wenn diese Gewalt in Form der Diskriminierung in allen Lebensbereichen die Realität der MigrantInnen bildet, welche und wesen Geschlechtergleichheit, wenn die Männer nach wie vor die Chefspositionen bekleiden. Nicht zuletzt welche und wessen Menschenrechte, wenn jährlich tausende und abertausende Menschen an Europas Grenzen umgebracht werden. Die Rechtfertigung mit den Grundwerten versucht eben den Blick von diesen Tatsachen abzuwenden, es versucht nur die Realitäten durch Fiktionalitäten zu ersetzen. In diesem Sinne wären diese Illusionisten als erstes in die Realität zu integrieren.
    Aber, was wir noch dazu lernen sollen, ist, dass die Argumente, die wir gegen die befehlenden Grundwerte hervorbringen, selber ein Teil des Spieles der Hochsprache sind. Eines Spieles, das sich auf der Herrschaftsebene abspielt. Die Hochsprache hat gegenüber den Beherrschten nur eine Ausrichtung, sie sollen beherrscht bleiben.

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